Demokratie am Arbeitsplatz

Status Quo

Arbeit ohne Mitbestimmung

Es ist bemerkenswert: Obwohl wir in Österreich in einer liberalen Demokratie leben, verbringen wir einen Großteil, also insgesamt ca. 40 Jahre unseres Erwerbslebens mehr als 8 – manchmal sogar flexible 12 – Stunden täglich in Arbeitsstätten in denen wir keine echte Mitbestimmung haben. Es ist ein Ort der höchst undemokratisch ist, da wir wenig Einfluss auf wesentliche Fragestellungen in Unternehmen haben. Ob es um Investitionen, die Verwendung des Unternehmensgewinns oder Home-Office-Regelungen geht, die  Arbeitnehmer*innen haben abgesehen von betriebsrätlichen Strukturen keinen Einfluss darauf. Stattdessen entscheiden Shareholder und das Management de-facto über den Großteil der Unternehmensorganisation.

Diese undemokratischen Strukturen haben nicht nur Auswirkungen auf die Unternehmen, sondern verschärfen auch die Ungleichheit in der Gesellschaft. Das aktuelle Wirtschaftssystem führt zu einer extremen Konzentration von Reichtum. Eine kleine Elite häuft immer mehr Kapital an und bestimmt über das Leben von Milliarden Menschen. Laut Oxfam besitzen ca. 2000 Milliardäre mehr Vermögen als 4,6 Milliarden Menschen auf der Welt. Diese Ungleichheit wird von einem System gefördert, das Macht und Einfluss denjenigen gibt, die das meiste Geld haben – und das auf Kosten der arbeitenden Mehrheit.

 

Die Vision

Dein Arbeitsplatz, deine Stimme

Stell dir vor: Arbeit ist nicht mehr ein Ort, an dem du fremdbestimmt bist, sondern einer, an dem du wirklich mitgestaltest. In dieser neuen Wirtschaftswelt werden Unternehmen von allen getragen, die in ihnen arbeiten. Arbeitsbedingungen, Grundsatzentscheidungen, der Umgang mit Gewinnen und die Ausrichtung des Unternehmens wird in einem demokratischen Prozess entschieden. Jede Stimme zählt, unabhängig von Hierarchie oder Kapitalbeteiligung. In dieser Vision übernehmen Mitarbeiter*innen Verantwortung, bringen ihre Ideen aktiv ein und gestalten die Zukunft ihres Unternehmens mit.

Das Ziel ist nicht die Maximierung des Shareholder Values für einige wenige, sondern die Förderung des Wohlstands für alle. Eine solche Wirtschaft schafft nicht nur mehr Gerechtigkeit im Unternehmen, sondern wirkt der gesellschaftlichen Ungleichheit entgegen. Sie setzt auf Kooperation statt Konkurrenz und verbindet wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung. Jetzt ist die Zeit, diese Vision weiter zu tragen. Mach mit und arbeite in einer Welt, in der Demokratie am Arbeitsplatz gelebt wird. Für eine gerechtere, menschlichere und zukunftsfähige Gesellschaft!

Häufig gestellte Fragen

Demokratisch organisierte Unternehmen existieren bereits erfolgreich seit mehr als einem Jahrhundert und haben sich bereits in der Praxis bewährt. Das prominentestes Beispiel einer funktionierenden Arbeitsgenossenschaft ist die spanische Mondragón Corporación Cooperativa mit etwa 100 zusammengeschlossenen Genossenschaften, über 81.000 MitarbeiterInnen und mehr als 12 Milliarden Euro Umsatz. Bemerkenswert an Mondragon ist, dass die Belegschaft sich demokratisch darauf geeinigt hat, dass Führungskräfte maximal das achtfache einfacher Angestellter verdienen dürfen. Eine besonders interessante Region in Zusammenhang mit Genossenschaften ist Emilia-Romagna (ITA), wo etwa ein Drittel des regionalen Bruttoinlandsprodukts auf Genossenschaften entfällt und mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Genossenschaftssektor involviert ist. Zu den bekanntesten Genossenschaften in der Region zählen unter anderem Coopsette und Sigma (Società Italiana Gruppi Mercantili Associati).

Auch in Österreich existieren bereits einige wenige Arbeitsgenossenschaften. Diese können bei Bedarf bei den einzelnen Revisionsverbänden eingesehen werden. Im Großen und Ganzen ist der demokratische Genossenschaftssektor jedoch unterentwickelt.

In Ländern in denen privatwirtschaftliche Kräfte mittels Lobbying und Medieneinfluss sehr starken Einfluss auf Politik und Gesellschaft haben gibt es wenig Strukturen welche die Gründung demokratischer Unternehmen ermöglichen. Da demokratisch organisierte Unternehmen eine attraktive Alternative und damit gleichzeitig eine Gegenkraft zur vorherrschenden profitmaximierenden Wirtschaftsordnung repräsentiert, ist es nicht verwunderlich, dass wir im demokratischen Genossenschaftswesen wenig Bewegung sehen.

Demokratisch geführte Unternehmen sind Unternehmen wie jedes andere auch, mit dem Unterschied, dass es ein Mitbestimmungsrecht der Mitglieder bei wesentlichen Unternehmensfragen hat.

Der genaue Entscheidungsfindungsprozess hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab und kann dementsprechend von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich ausgestaltet sein. Den Unternehmen steht jedoch – unabhängig von der Anzahl der Mitarbeiter*innen oder vom Aufbau der Organisation – eine breite Palette an Werkzeugen zur Verfügung um Entscheidungen effizient, effektiv und fair zu treffen. Mit Hilfe von Liquid Democracy, der Borda-Wahl, Betriebsversammlungen oder soziokratischen Methoden können Mitglieder und Mitarbeiter*inneninteressen umgesetzt werden. Zudem können in schnell wachsenden Branchen wo Entscheidungen zügig getroffen werden müssen Werkzeuge in digitalisierter Form unterstützen (z.B. Umfragetools, etc.).

Mit Hilfe von Methoden wie Liquid Democracy können Mitarbeiter*innen, die keine Expertise in einem bestimmten Fachgebiet haben ihre Stimme an eine*n Expert*in ihres Vertrauens übertragen.

Ähnlich wie in liberalen Demokratien, wird es in demokratischen Unternehmen unter Umständen auch Mitglieder geben, die bei bestimmten Fragestellungen auf ihr Mitbestimmungs- und Wahlrecht verzichten werden. Da durch Unternehmensentscheidungen das Schicksal der Mitglieder und Mitarbeiter*innen jedoch unmittelbar berührt wird, ist der Anreiz mitzubestimmen hoch.

Nein, ganz im Gegenteil. Über elektronische Hilfsmittel (Abstimmungsapps, elektronische Umfragen, etc.) können Entscheidungen relativ leicht in vorhandene Kommunikationsstrukturen (wie zB. Jourfixes) eingebettet werden. Entscheidungen werden durch aktive Partizipation auch leichter von der Belegschaft mitgetragen.

Die Fragestellung, was genau in einer Genossenschaft abgestimmt werden kann, lässt sich nicht pauschal beantworten, da jede demokratisch organisierte Genossenschaft ihre Entscheidungsprozesse in den Statuten individuell ausgestaltet. Welche Themen zur Abstimmung stehen und welche Mehrheiten für Entscheidungen erforderlich sind, ergibt sich somit aus einem Verhandlungsprozess unter den Mitgliedern.
Dieses Prinzip ähnelt der Funktionsweise einer staatlichen Demokratie: So wie eine Verfassung den Rahmen für politische Entscheidungen setzt und grundlegende Rechte schützt, definieren die Statuten einer Genossenschaft den Spielraum demokratischer Mitbestimmung. Innerhalb dieses Rahmens entscheiden die Mitglieder souverän über strategische Ausrichtung, Ressourcenverteilung oder Satzungsänderungen; stets getragen vom Prinzip „ein Mitglied, eine Stimme“. So wird die Genossenschaft zur lebendigen Schule von Demokratie.